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TANJA HEHMANN

Eine Malerei der Aggregatzustände

 

Die Kunst von Tanja Hehmann

 

 

Es fließt, dampft, sprüht, spritzt, verläuft, gerinnt. Was sich auf den Bildern von Tanja Hehmann ereignet, lässt sich eher in Zuständen und Prozessen beschreiben als durch dinglich Greifbares. Es ereignet sich etwas, aber nicht im Sinne einer erzählerischen Handlung. Wenn es einen „Handlungsträger“ gibt, dann die Farbe selbst. In ihren oft amorphen Verläufen erscheint sie einerseits als Materie, als Material, das „sich selbst“ meint, aber gleichzeitig ist sie auch „Darstellung“. Alles, was an konkrete Gegenstände erinnern könnte, bleibt mehrdeutig. Das gilt auch für geometrische Gebilde, die an Architekturen oder an Kristallstrukturen erinnern, und die auf vielen ihrer Bilder den unregelmäßigen Farbverläufen so etwas wie eine lineare Rahmung verleihen.

 

Auf den neuesten Gemälden treten solche linearen Formationen jedoch hinter fließenden Formen weitgehend zurück. Hier arbeitet die Künstlerin auch erstmals mit großflächigen Farbschüttungen, deren Verlauf sie nicht vollständig voraussehen kann. Damit verstärkt sich der Eindruck des Prozesshaften. Was wir auf dem Bild sehen, erscheint – bei aller kompositorischer Ausgewogenheit – wie eine Momentaufnahme aus einem Geschehen, das in steter Veränderung begriffen ist.

Das auch in einem Gemälde implizit enthaltene Zeitmoment wurde schon lange vor der Erfindung des Films und anderer Bewegtbildmedien intensiv reflektiert. Eine der bekanntesten Erörterungen zum Thema ist die Unterscheidung in Raum- und Zeitkünste in Gotthold Ephraim Lessings Aufsatz „Laokoon“ (1766). Indem auf einem Bild (oder in einer Skulptur) der Ablauf einer Handlung in einem „fruchtbaren Augenblick“ gleichsam zusammengefasst wird, können auch statische Medien die Zeit „darstellen“.

Um 1800 versuchte man durch raffinierte Beleuchtungstechniken Landschaftsbilder zu animieren. Für so genannte „Mondscheintransparente“, bei denen sich eine Tag- in eine Nachtansicht verwandelte, begeisterte sich auch Caspar David Friedrich. Wenn Tanja Hehmanns Bilder an Werke der Romantik erinnern, dann weniger wegen der dargestellten Motive als durch deren tendenzielle Auflösung im Zweideutigen und Prozesshaften. Denn schauen wir statt auf die Darstellung mehr auf die Bildkomposition, finden sich bei Friedrich und anderen Romantikern zentrale Momente, die wir in der modernen und auch in der  zeitgenössischen Malerei, so bei Tanja Hehmann, wiederfinden: die Entleerung des Bildfeldes, die Verselbständigung der Farbe von der Materialqualität der abgebildeten Dinge, die zunehmende Betonung immaterieller Zustände gegenüber dem physikalisch Festgefügten.

Dies könnte man auch als eine Wendung von der Wiedergabe fester Materialien hin zu einer Sensiblisierung für „Aggregatzustände“ beschreiben. Physikalisch bezeichnet dieser Begriff die unterschiedlichen Zustände von Stoffen durch Veränderung von Temparatur oder Druck. Neben den „klassischen“ Aggregatzuständen fest, flüssig und gasfömig werden feste Stoffe in „kristallin“ und „amorph“ unterschieden.

Kristallin ist ein fester Stoff, der seine Form nicht verändert, während amorphe Stoffe eine gewisse Formbarkeit aufweisen.

 

Tanja Hehmanns Malerei lotet das Spannungsfeld zwischen dem Amorphen und dem Kristallinen, zwischen dem fest, flüssig und gasförmig Erscheinenden bis in kleinste Differenzierungen aus. Das gilt auch für die Papierarbeiten, deren zeichnerische Strukturen stets eine Balance zwischen dem Fließenden und Festgefügten halten. Der Suggestion von Materialqualitäten steht auch hier die Vieldeutigkeit möglicher gegenständlicher Deutungen gegenüber. Die durch horizontale Gliederungen dominierten Strukturen könnten als landschaftliche Schichtungen gelesen werden, aber sie erinnern auch an mikroskopische Schnitte.

Dass Größenverhältnisse ebenso ambivalent sind wie die räumlichen Bezüge, gilt auch für die großformatigen Gemälde. Nur punktuell wird bisweilen suggeriert, dass wir einen Bildraum betreten könnten, wie auf Chiffre II, wo sich Quaderformen im unteren Bildfeld stark nach hinten verkürzen, wie man es aus den zentralperspektivischen Darstellungen der italienischen Frührenaissance bei Uccello oder Mantegna kennt.

Dieser angedeutete Tiefensog wird jedoch gleich wieder durch ein amorphes gelbes Farbfeld konterkariert, das wie ein die Fernsicht verhindernder Nebel einen Großteil der Bildfläche ausfüllt. Und so bietet Chiffre II – wie alle anderen Bilder Tanja Hehmanns – nicht nur dem Auge viel zu schauen an, sondern indem Materialqualitäten und Suggestionen von Räumlichkeit auf fast paradoxe Weise ineinander verschränkt sind, werden auch der Tastsinn und unser ganzes Körpergefühl aktiviert, um nach einer Orientierung zu suchen, die uns letztlich verweigert bleibt.

 

Ludwig Seyfarth

„Tanja Hehmann: 'Passagen und Enklaven'.

Form und Vertiefung - zur Ausstellung im Rahmen des Hamburger Architektursommers”

 

 

Ausstellungsrezension im Hamburger Feuilleton, 29.05.2015:

www.hamburger-feuilleton.de/tanja-hehmann-passagen-und-enklaven/

 

Melanie Ucke

Passagen und Enklaven

 

 

Tanja Hehmann setzt Räume in ihrer Malerei. Imaginäre Enklaven, die sich gegen diffusen Umraum behaupten und abgrenzen müssen. Es sind keine architektonischen Träume à la Piranesis „Carceri d’invenzione“ mit Pfeilern, Treppen und Türmen. Und ebenso wenig gibt es an diesen kühlen Orten im Nirgendwo Menschen wie beispielsweise in den realistischen Interieurs eines Vilhelm Hammershøi. Vielmehr rufen die grafischen Elemente Seelenräume, Raumutopien, Wunsch(t)räume auf, offen formuliert, um besser als Sehnsuchtsorte zu funktionieren oder um die Veräußerlichung innerer Zustände mehrdeutig zu lassen.

 

Die hier entworfenen und gleichzeitig unbestimmt bleibenden Räume verweigern dem Auge Halt und Orientierung: Nicht fixiert in Vorder- und Hintergrund wird mit den unterschiedlichen Größenverhältnissen der Strukturen gespielt. Janusköpfige, verunklärende Kippbilder! Gegen diese Raumideen setzt Hehmann das malerische Element der Farbschüttungen. Doch das tastende Ausloten der Gegensätze folgt nicht dem immergleichen Prinzip der Konstruktion eines Raumes und seiner anschließenden Störung oder Öffnung.

Ebenso können die amorphen Farbinseln Ausgangspunkt auf der anfänglich weißen Fläche sein, zu denen sich dann konkurrierend oder verschwisternd die grafischen Formationen gesellen.

 

Hehmanns zufällig entstandene Farbverdichtungen erinnern von Ferne an die ruhigen Farbräume von Gotthard Graubner, sind jedoch deutlich bewegter: Wolkengleich überlagern sie das bewusst Konstruierte und drängen zur Auflösung des Gefügten. Letztlich artikulieren sie dadurch in den Werken auch die Idee des Übergangs, der Passage.

 

Helene Roolf M.A.

 

© Tanja Hehmann /

VG Bild Kunst Bonn 2017